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Bike around the clock – oder die Faszination an langen Rennen

IMG_0061‘… du fährst 24 Stunden Fahrrad, alleine?‘ – und dann kommt er wieder, der ungläubige Blick im Gesicht meines Gegenübers. Manchmal ist es auch Mitleid, was ich dort erkenne, und ich kann die Gedanken im Gesichtsausdruck lesen ‘… wie kann man nur so bescheuert sein 24 Stunden lang Fahrrad zu fahren?‘ – und ich muss sagen, sie haben Recht, denn genau diese Frage stelle ich mir mindestens einmal während solch eines Rennens, meistens sogar öfter.

Aber was treibt jemanden an, sich das anzutun? Ich glaube jeder hat seine eigene Motivation. Für mich ist nicht der Wille zu siegen oder mich möglichst weit vorne zu platzieren. Für mich liegt die Faszination im Kampf gegen mich selber, zu versuchen die eigenen Grenzen auszuloten, die Leistung vom letzten Rennen zu übertreffen, zu merken, wann der Körper nicht mehr will oder kann und zu versuchen doch noch weiter zu machen. Natürlich ist es schön, sich so weit wie möglich vorne zu platzieren, ganz klar, aber ich bin auch glücklich und zufrieden, wenn ich in einem gut besetztem Rennen oder bei einem Rennen, bei dem viele Einzelstarter mitfahren, eine gute Leistung abliefere, auch wenn die Platzierung weiter hinten liegt. Der Spaß fängt bei mir erst nach 6 Stunden an. Egal ob auf dem Mountain-Bike oder auf dem Rennrad.

IMG_0552Am letzten Wochenende war es wieder mal so weit. Das 24 h MTB-Rennen in Diez (Bike around the clock) stand an und ich war zum dritten Mal am Start. Das zweite Mal als Einzelstarter, einmal bin ich als Teamfahrer gestartet. Die Wetteraussichten waren gut und ich war voll motiviert. Pünktlich um 14.00 Uhr wurde das Rennen auf dem Diezer Marktplatz gestartet und es ging neutralisiert als Gruppe zum Veranstaltungsgelände. Die Startfahrer gingen dort in die erste Runde, während die anderen Teamfahrer zum Gelände zurückfuhren um auf ihren Einsatz zu warten. Für mich als Einzelfahrer hieß es sich erstmal aus dem Anfangsgetümmel herauszuhalten und den eigenen Rhythmus zu finden. Die Strecke hat eine Länge von ca. 3,5 km und 90 Höhenmeter pro Runde. Sie ist technisch nicht sehr anspruchsvoll, für ein 24 h Rennen aber schön zu fahren. Die Abfahrt erfolgt größtenteils über ein Wiesenstück, welches den Körper richtig durchschüttelt. Nach mehr als 90 Runden tut jeder Muskel im Körper weh und man beginnt schon sehr früh dieses Stück zu hassen.

Die Devise lautet zu Beginn nicht überziehen, denn das wird sich am Ende rächen. Diesmal fällt es mir sehr schwer einen Rhythmus zu finden, und es dauert fast 6 Stunden, bis ich einen guten Rundenrhythmus gefunden habe. Die erste längere Pause habe ich nach ca. 6 Stunden eingelegt um zu essen und kurz zu regenerieren. Vorher habe ich nur kurz angehalten um Getränke zu holen.

Mit einsetzender Dunkelheit wird es langsam ruhiger auf der Strecke. Die ersten Einzelfahrer legen längere Pausen ein oder machen Schluss für die Nacht. Nun kommt die Zeit der Lampen und die Strecke scheint sich zu verändern. Die Geschwindigkeit wird langsamer um die schlechtere Sicht auszugleichen. Ein Fehler und alles kann vorbei sein. Aber das Fahren mit Licht hat seinen besonderen Reiz. Die Schatten, der Licht-/Dunkelwechsel – die Strecke scheint eine andere zu werden.IMG_0556

Je später es wird, desto ruhiger wird es auf der Strecke. Für mich die schönste Zeit, die Ruhe, viel Zeit zum Denken und kein Stress. Aber auch die Zeit des Nachfragen und Grübelns und der ersten Selbstzweifel.

Ich habe mich auf einen 2-Stunden-Rhythmus eingestellt. Alle 2 h Getränke holen und Gels und Riegel auffüllen. Nach 4 h eine längere Pause zum Essen und kurze Erholung. Und dann am frühen Morgen kommt sie – die heraufziehende Morgendämmerung. Jedes mal, wenn ich auf dem höchsten Punkt der Strecke bin, wird es etwas heller. Immer mehr Einzelheiten sind zu erkennen. Ein faszinierender Zeitpunkt.

Nach einem guten Frühstück geht es wieder auf die Strecke. Jetzt kommt die Zeit in der es zäh wird, der Körper tut weh, die Erschöpfung ist da und überall zieht und zwickt es. Ich denke es reicht und es könnte zu Ende sein, aber noch liegen lange 6 Stunden vor mir. Von meiner Frau erfahre ich per WhatsApp, dass ich auf Platz vier liege und der Abstand zu Platz fünf 12 Runden und nach vorne zu Platz drei 6 Runden beträgt. Eigentlich ist alles gelaufen, 6 Runden aufzuholen ist fast unmöglich und wenn ich locker weiter fahre, kann von hinten auch nichts mehr passieren.

Irgendwie schleppe ich mich über die nächsten Stunden, werde von Freunden und Bekannten immer wieder motiviert – vielen Dank dabei auch an Sepp und Elena, die am Samstag da waren und mich motiviert haben und für die Bilder. Und an Jonas, der am Samstag vor Ort war und mich bestens unterstützt und versorgt hat. Die Zeit läuft rückwärts, ewig langsam, aber die Zeit bis zum Ende wird immer kürzer und dann ist die Motivation auf einmal wieder da. Jetzt versuchen möglichst viele Runden zu schaffen, kann ich den Körper noch einmal zur Höchstleistung anfeuern – also los. Und – es funktioniert. Die Beine treten rund und bringen noch mal richtig Power auf die Pedalen. Die Rundenzeiten werden wieder schneller und das Rechnen im Kopf beginnt. Wie viel Runden kann ich noch schaffen, wie schnell muss ich noch sein um kurz vor 14.00 Uhr über die Zeitschranke zu fahren um noch eine Runde zu schaffen.

IMG_0553Endlich ist es geschafft – die 24 Stunden sind vorbei, die angestrebte Rundenzahl ist übertroffen. Die Zieleinfahrt und das Klatschen der Leute macht mich stolz und glücklich. Alle Strapazen und die Müdigkeit sind wie weggeblasen, die Schmerzen verblassen und das Adrenalin übernimmt die Steuerung im Körper – und im Kopf beginnt schon wieder die Vorfreude auf das nächste lange Rennen.

Ein ganz ganz dickes Dankeschön an meine Familie, ohne ihre Unterstützung und Hilfe funktioniert so etwas einfach nicht. Es ist ja nicht nur das Rennen und die unmittelbare Zeit davor und danach, wo ich von ihnen unterstützt werde. Es ist ja auch die Trainingszeit, die ich weg bin und wo meine Familie auf mich verzichtet und meine Frau mir den Rücken frei hält – Danke, ihr seid die Besten.

Text und Bilder: Christian Klute

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